Tageszeitungen – Unsinn im digitalen Zeitalter?!

Tageszeitungen – Unsinn im digitalen Zeitalter?!

Tag für Tag bedrucktes Papier im Briefkasten. Wie lange noch? Quelle: Christian Pohl / pixelio.de

Es ist ein heiß diskutiertes Thema in den vergangenen Tagen, seitdem die Frankfurter Rundschau ihre Insolvenz vermeldete. Das Ende der Zeitungen? Wer ist Schuld? Wodurch soll Journalismus zukünftig finanziert werden? Diese und weitere Fragen werden vielfach diskutiert. Ich stelle mir die Frage, ob das Konstrukt Tageszeitung überhaupt noch zeitgemäß ist. Meine Antwort vorweg: Jein.

Es war ja abzusehen. Die zunehmend sinkenden Auflagen und Anzeigeneinnahmen sowie die nur zaghaft steigenden Online-Einnahmen im Laufe der letzten Jahre deuteten auf harte Zeiten in der Zeitungsbranche hin. Die Nachricht der Insolvenz der traditionsreichen Frankfurter Rundschau (FR) und auch das scheinbare Ende der Financial Times Deutschland (FTD) waren für viele trotzdem Überraschungsmeldungen. Für andere aber eigentlich bloß die logische Konsequenz der vorangegangenen Entwicklung.

Nun kann überall am jeweiligen Konzept herumkritisiert werden. Zu links, zu konservativ, falscher Schwerpunkt, vernachlässigtes Ressort, zu unkritisch, zu schlechte Qualität und so weiter. Es kann angeprangert werden, dass das Online-Geschäft zu spät für sich entdeckt wurde oder das Zeitungsformat, der Umfang oder das Text-Bild-Verhältnis nicht optimal ist. Natürlich kann man auch darüber diskutieren, ob der Umgang mit Kostenlos- und Bezahl-Inhalten nicht durchdacht und die Qualität der App für IPad und Co. nicht ausreichend ist. Viele dieser Punkte könnte man sich gewiss zur Brust nehmen – zu Recht.

Geht nicht über meinen Briefkasten und zieht keine Abogebühren ein

Aber die Frage ist auch noch eine andere: Ist das Format Tageszeitung überhaupt noch zeitgemäß? Erfahren wir nicht schon am Vortag davon, worüber erst am nächsten Tag in der Tageszeitung berichtet wird? Haben wir morgens überhaupt die Zeit und Lust, uns intensiv mit den Nachrichten von gestern zu beschäftigen? Schließlich könnten wir stattdessen im Internet auf dem Smartphone, Tablet, Notebook oder PC nachlesen, -hören oder -schauen, was sich eben gerade Neues ergeben hat – nach Redaktionsschluss der vorhin im Briefkasten gelandeten Tageszeitung. Neues in der Tageszeitung ist nunmal Altes von gestern. Also, liebe FAZ, SZ, taz, Welt, Bild und Co.: Bitte begebt euch direkt in die blaue Tonne, geht nicht über meinen Briefkasten und zieht keine Abogebühren ein. Oder?

Die Belegschaft der FR präsentierte sich schon am Tag der Bekanntgabe zuversichtlich. Screenshot.

Nicht hungrig oder überfressen, sondern satt

Oder überdenkt das Konstrukt Tageszeitung von Grund auf. Einfach mal ganz neue Möglichkeiten spinnen. Vielleicht wäre es erfolgsversprechender, wenn man sich zum Frühstück (Kaffee und ein Toast mit Marmelade = 10 Minuten; kein Buffet = 60 bis 90 Minuten, die man für jetzige Tageszeitungen bräuchte) einen kurzen, informativen Überblick über das Wichtigste vom Vortag verschafft?! Vielleicht wäre es erfolgsversprechender, wenn man sich irgendwann im Laufe des Tages – gerne auch erst am Abend – in der Tageszeitung ganz ausführlich über Ereignisse des Vortages informieren kann?! Nein, ich meine keinen ewig langen Bericht, sondern eine angemessen große Portion Text mit Hintergrundinformationen, Daten und Fakten und erläuternden Beispielen, serviert mit leicht verständlichen Infografiken. Also so angerichtet, dass man gut im Thema drin ist – nicht hungrig oder überfressen, sondern satt mit Lust aufs nächste Mal.

Konzept für online und offline

Es geht doch nicht immer darum, nur von allem etwas zu probieren, aber nichts richtig gut verköstigt zu haben. Beides ist gewollt – mal mehr, mal weniger. Die häppchenweise verpackten Informationen könnte man sich in dem einen Medium abholen und die große Portion mit viel Zusatzwissen in dem anderen Medium. Wichtig ist, dass man sich im Klaren darüber ist, wo welche Portionen zu finden sind. Eine Parallelwelt wird schwierig und nichts Halbes und nichts Ganzes – vor allem, wenn die eine Welt (zurzeit das Internet) kostenlos ist und man aber mit der anderen, immer weniger bewohnten Welt (Print) das Geld verdienen muss.

Mehr Flexibilität

Gute Beiträge zahle ich gerne offline wie online. Ich möchte bloß keine ganze Sau kaufen, wenn ich bloß die Hüfte haben will. Morgen nehme ich dann vielleicht nur die Schulter. Sprich: Es sollte möglich sein, einzelne Artikel zu kaufen, die mich interessieren. Der hier von der FAZ und dieser hier von der Welt. Deshalb will ich nicht gleich zwei Digitalabos abschließen. Ich möchte meine Freiheit haben, was ich wo und wann lese. Liebe Verlage, seid flexibel und kassiert lieber viele kleine Häppchen von zufriedenen Lesern als immer weniger werdende große Happen von unzufriedenen Lesern.

Print weiterhin ja, aber nicht so. Anders. Besser. Es bedarf sicherlich Zeit, bis die richtigen Modelle – ein einziges richtiges wird es wohl nicht geben – gefunden sind. Die Lösung fällt nicht vom Himmel. Es ist jetzt die Zeit, um zu experimentieren. Noch. Gerade noch.

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