Lokales im Netz hat Zukunft

Lokales im Netz hat Zukunft

Ich während des Impulsvortrages auf dem VDZ Publishers‘ Summit 2012 in Berlin. Bildquelle: VDZ Publishers‘ Summit 2012.

Der Publishers‘ Summit – früher Zeitschriftentage – ist das Gipfeltreffen der Zeitschriftenverleger in Deutschland. Der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) hat als Veranstalter ein zweitätiges Programm auf die Beine gestellt, das sich aus einer Preisverleihung, zahlreichen Diskussionsrunden und jeder Menge Rednerinnen und Rednern zusammensetzte. Neben Politikern wie Klaus Wowereit und Dr. Kristina Schröder waren natürlich viele Medienunternehmen vertreten – vom Spiegel über The Eurpoean bis zu dem Verleger Hubert Burda, der auch gleichzeitig Präsident des VDZ ist. Ein weiterer Redner war ich, Inhaber und Chefredakteur von weiterstadtnetz.de. Er sprach über den hyperlokalen Journalismus, dessen Potential und die Lage des Anzeigengeschäftes – exemplarisch am Beispiel seiner Online-Zeitung weiterstadtnetz.de. Meine Rede kann man hier nachlesen:

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Burda,
sehr geehrte Damen und Herren,

Herr Burda hatte gestern vom Publishers‘ Summit als Klassentreffen gesprochen. Für mich ist es so, als ob ich jetzt gerade zu dieser Klasse hinzustoße. Vor Ihnen steht ein unbekannter junger, 21-jähriger Mann – schreibt weder für Spiegel, Focus, Bunte oder Landlust – und soll nun für Sie einen Impulsvortrag zum hyperlokalen Journalismus im Internet halten. Das ist für mich eine Ehre, aber auch eine Herausforderung. Denn die Profis, die sitzen vor mir. Deshalb will ich keine Tipps und Ratschläge geben, sondern meine Erfahrungen von acht Monaten weiterstadtnetz.de präsentieren.

weiterstadtnetz.de ist eine Online-Zeitung für die kleine Stadt Weiterstadt. weiterstadtnetz.de ist eine von vielen hyperlokalen Online-Zeitungen im Netzwerk von istlokal, gegründet vom Inhaber der Tegernseer Stimme Peter Posztos und Heddesheimblogger Hardy Prothmann, dessen Blog ein Vorbild für meine Arbeit war – und ist. Weiterstadt hat rund 25.000 Einwohner. Eine kleine Zielgruppe und damit zwangsläufig immer nah dran am Geschehen und an den Menschen vor Ort.

Vielfalt

Meine Damen und Herren, hyperlokaler Journalismus ist mehr als das Abdrucken von Vereinsmeldungen. Zum journalistischen Repertoire von weiterstadtnetz.de gehören Berichte über Veranstaltungen, starke Reportagen, Porträts über und Interviews mit Menschen aus der Stadt sowie Meinungsbeiträge. Dazu gehören außerdem landes- und bundespolitische Themen, die auf das Lokale heruntergebrochen werden sowie ein Serviceteil mit zum Beispiel Verkehrsmeldungen, einem Terminkalender und mehr. Aber auch Exklusives wie Arbeitslosenzahlen, die sonst nirgends für die Stadt auftauchen, hat seinen Platz. Alles mit einem kritischen Blick. Die Vielfalt ist groß. Die Themen liegen auf der Straße.

Das Internet im Hyperlokalen lohnt sich

Das Internet im Hyperlokalen lohnt sich in vielerlei Hinsicht. Ich habe keinen Druck, Seiten füllen zu müssen oder Themen wegzulassen, weil kein Platz mehr ist. Bei weiterstadtnetz.de veröffentliche ich je nach Bedarf und Aktualität. Das Einbetten von Bildern und Videos ist im Hyperlokalen wahrscheinlich noch wichtiger als im Internet überhaupt schon. Denn die Menschen in der Stadt kennen das, was abgebildet ist. Sie kennen die Umgebung und die Menschen – können sich damit identifizieren. Die Nachfrage danach ist groß. Das Verwenden von Bildergalerien deshalb ein wichtiger Aspekt für mich.

Dass man Neuigkeiten überall und immer abrufen kann, ist selbstverständlich ein Vorteil im Internet, wenn auch kein neuer. Neu ist aber die Tatsache, dass ich von dem Unfall vor der eigenen Haustür auch sehr zeitnah auf der Arbeit erfahre. Und letztendlich ist auch der Leserkontakt ein besserer, wenn die Redaktion das Medium Internet nutzt, um sich und die Redaktion zu öffnen. Hier spielt natürlich besonders Facebook eine Rolle. Man schreibt sich, bekommt Hinweise und Feedback. Eine persönliche Ebene ensteht – und man sieht sich auch auf der Straße. Eine Besonderheit im hyperlokalen Raum.

Aber trotz aller Vorteile und Euphorie um das Internet sage auch ich: Print ist nicht tot – besonders im Bereich Zeitschriften und Magazine. Grund genug, dass auch ich mit weiterstadtnetz.de plane, im nächsten Jahr die erste Printausgabe herauszugeben. Vierteljährlich soll sie irgendwann einmal erscheinen – wenn es sich als klug erwiesen hat. Die Printausgabe soll aber kein Alternativprodukt sein. Nein, sie soll die Online-Zeitung ergänzen, sich mit ihr verknüpfen.

Und? Lohnt sich das finanziell?

Nach all den Ausführungen fragen Sie sich jetzt vielleicht – und das fragen sich und fragen mich viele: Das Engagement in allen Ehren, aber lohnt sich das finanziell überhaupt? Nein, tut es nicht. Noch nicht. Muss es aber auch nicht. Ich bin Student und muss nicht alleine davon leben, sondern habe damit ein paar Nebeneinkünfte. Diese Zeit will und werde ich nutzen, bis ich nach dem Studium von etwas leben muss. Ich bin zuversichtlich, positiv gestimmt.

Die Geldquelle ist auch bei mir die Anzeige. Es wurde bisher schon viel über das Anzeigengeschäft gesprochen. Und doch möchte ich hier darauf eingehen, wie es auf hyperlokaler Ebene funktionieren kann. Wichtig ist eine ansprechende Anzeigenplatzierung, ohne das übersichtliche Layout zu opfern. Ich möchte keine mit Werbung vollgestopfte Seite, sondern die journalistischen Inhalte im Vordergrund halten. Ein besonderes Modell fahre ich und andere istlokal-Kollegen mit der Partnerwerbung. Das Motto: Masse und Klasse. Mit einem sehr günstigen Betrag wollen wir die Masse erreichen – und das Feedback ist bisher positiv. Außerdem sind wir durch die Masse nicht von einzelnen Unternehmen abhängig, sondern können einen Wegfall durchaus verkraften. Die Partnerwerbung sorgt für Unabhängigkeit.

Klasse erreichen wir durch eine ansprechende Platzierung auf der Startseite und vor allem durch die eigene Unterseite, auf der das Unternehmen ausführlich mit Text und Bild vorgestellt wird. Auch hier setzen wir auf eine persönliche Ebene, wie auf den Pizzabäcker nebenan. Individualität steht an erster Stelle. Niemand wird in ein standardisierte Form gepresst. Dennoch muss auch ich sagen: Das Anzeigengeschäft ist kein leichtes, schon gar nicht auf lokaler Ebene im Internet. Es ist ein fremdes Feld für viele Unternehmer und sie handeln nur zögerlich. Man braucht also Hartnäckigkeit, Überzeugung und Motivation. Alles drei habe ich.

Meine Erfahrungen nach acht Monaten weiterstadtnetz.de

Nach acht Monaten weiterstadtnetz.de habe ich schon einige Erfahrungen sammeln können und kann sagen: Es läuft an. Die Resonanz bei den Lesern ist positiv, die Zahlen steigen. Aber auch die Relevanz, ein enorm wichtiger Faktor, ist inzwischen immer mehr vorhanden. Wir werden in der Berichterstattung wahrgenommen. Bürger und Politik fangen an, darauf zu reagieren. Außerdem halte ich den Austausch mit den Lesern für sehr wichtig. Wir tauschen uns mit ihnen aus, verlangen offensiv ein Feedback und beziehen sie auch in die Themenfindung und andere Dinge ein. So haben wir zum Beispiel über ein Formular in der Seitenleiste Fragen gesammelt für geplante Interviews mit dem Gewerbeverein und dem Mananger eines Shoppingcenters. Facebook ist in diesem Zusammenhang ein Muss. Twitter lohnt sich aufgrund der geringen Reichweite im Lokalen leider nicht.

Ich denke, man sollte die Schnelligkeit des Internets nutzen, zum Beispiel bei Meldungen über Unfälle oder Fahndungen. So etwas verbreitet sich dann rasend schnell. Andererseits möchte ich auch entschleunigen und muss nicht immer der Erste sein. Es braucht Zeit für Reportagen oder Interviews – auch im schnellen Internet. Und diese Herangehensweise wird auch gewürdigt. Es ist für die meisten ungewohnt, dass sich Journalisten diese Zeit nehmen. Das Ungewohnte sollte zur Gewohnheit werden. Was die Finanzen betrifft, habe ich schon ausgeführt, dass man selbst von seinem Konzept überzeugt sein muss. Nur so kann man auch andere, vor allem Unternehmer, davon überzeugen. Dass dies nicht von heute auf morgen geschieht, ist selbstverständlich. Es braucht einen langen Atem, der sich lohnt, um wieder durchatmen zu können.

Meine Damen und Herren, es braucht Mut, Mut zur Lücke, Mut für Neues und Mut zum Ausprobieren. In der Mentalität eines Steh-auf-Männchens möchte ich, Sozialdemokrat, mit einem nicht Zitat Konrad Adenauers enden, der meinte: „Fallen ist weder gefährlich noch eine Schande. Liegenbleiben beides.“.

In diesem Sinne – herzlichen Dank!

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Julian Heck | Strategiecoach für Positionierung & Selbstmarketing