„Der Abend“ – ein zu unflexibles Tageszeitungsmodell

„Der Abend“ – ein zu unflexibles Tageszeitungsmodell

Wie soll es nur weitergehen mit der Tageszeitung? Eine geringere Auflage und weniger Anzeigenerlöse werfen Fragen auf. „Spiegel“-Journalist Cordt Schnibben hat eine Debatte (#tag2020) angeregt und zig Meinungen von Medienmachern und Medienkonsumenten gesammelt. Ein Ergebnis von #tag2020 ist das Konzept der App „Der Abend“. Begeisterung oder Ernüchterung? Irgendwie beides.

Wir haben uns entschieden, keine utopische Zeitung zu entwerfen, sondern eine, die man schon heute realisieren kann.

schreibt Cordt Schnibben zur Präsentation der App „Der Abend“. Realisierbar könnte sie tatsächlich sein, ja. Aber ist sie wirklich das, was wir als Zukunft der Tageszeitung betrachten können? Hm.

Thematisch werden die Inhalte in „Nachrichten, Stories, Meinung, Unterhaltung, Leser, Service“ unterteilt. In Ordnung. Aber:

„Nachrichten“ und „Leser“ aktualisieren sich kontinuierlich, „Stories“ und „Meinung“ zweimal am Tag: abends um 17:00 Uhr, morgens um 7:00 Uhr. „Service“ und „Unterhaltung“ einmal am Tag 17:00 Uhr.

Ehm, hier hängt man jetzt aber wieder sehr am klassischen Tageszeitungsmodell, wo es einen druckbedingten Redaktionsschluss gibt. Das muss doch nicht so steif sein. Stories und Meinungsbeiträge sollen erscheinen, wenn es sinnvoll und aktuell ist – und nicht, weil man vorher fixe Zeiten festgelegt hat.

Der Abend SpOnTeilen und kommentieren zu können, Themen im Netz zu suchen und einzelne Themen zu verfolgen, das sind alles keine wirklichen Neuheiten. Eine Vorlesefunktion hingegen schon eher, wobei es hier wohl eher an einer ausgereiften Technik mangelt.

Lieber guten Journalismus bieten

Unterhaltung und Service spielt in Schnibbens Konzept eine große Rolle. Von TV-Empfehlungen, Theaterrezensionen, Sudoku und Spielen bishin zu einem lokalen Wohnungsmarkt, Verbraucherschutz (?), Hotelbewertungen und Kontaktbörse ist alles dabei. Aber Moment mal: Gibt es dafür nicht schon tolle Dienste, die gut funktionieren? Muss das Rad neu erfunden werden und müssen journalistische Inhalte von Unterhaltungsfunktionen überlagert werden? Mir geht der Servicefaktor an dieser Stelle ein bisschen zu weit. Zeitungen müssen nicht alles bieten. Ich wäre schon froh, wenn sie guten Journalismus bieten würden.

Der Nutzer kann auswählen, welche seiner Kontakte er hier verfolgen möchte (ihr Einverständnis vorausgesetzt).

Anderen folgen, wenn der andere das möchte? Also weder nach dem Facebookprinzip (gegenseitiges Folgen nach Genehmigung) noch nach dem Twitterprinzip (einseitiges Folgen ohne Einverständnis). Und was bringt das? Warum wird hier nicht mit bestehenden sozialen Netzwerken verknüpft, sondern wieder das Rad neu erfunden? Muss ich das dann bei jeder Zeitung so machen, weil „Der Abend“ ja nicht das einzige Produkt ist, welches ich konsumiere? Nee, dazu habe ich keine Lust.

Jeder Abonnent wird Mitglied im „Abend-Club“. In Kooperation mit einer Sparkasse / Bank verwandelt sich die App beim Bezahlen in eine Kreditkarte und bietet Preisnachlass sowie besonderen Service in Restaurants, Sportstudios, Läden etc. Die Partnerfirmen erhalten Preisnachlass bei Werbung im „Abend“, eine örtliche Werbeagentur unterstützt die Firmen bei der Entwicklung digitaler Werbeformen.

Wie jetzt genau?

Beispiel Zoobesuch: Sobald der Nutzer in der Nähe eines Counters ist, erscheint automatisch ein Popup mit dem Club-Rabatt. Bezahlt wird ganz einfach per Tap.

Ach, natürlich „ganz einfach“. Auch hier stelle ich mir die Frage: Muss das eine Tageszeitung bieten? „Der Abend“ will scheinbar so einiges in sich vereinen und demnach anderes ersetzen: Facebook, Twitter, MyHammer, Quoka, Holidaycheck, Payback, Casino, Fernsehzeitung und und und.

Flexibilität und Relevanz

Je nach Klickzahlen werden die Blogger an Erlösen beteiligt

Weiterhin Klickgeilheit statt Relevanz. Genau darum geht es nicht. Abgesehen davon, dass die Finanzierung von „Der Abend“ im vorgestellten Konzept keine Rolle spielt, dürfen neue Modelle keine Klickhuren sein, sondern Relevanznutten. Denn auch – und gerade – mit Relevanz lassen sich Werbeanzeigen verkaufen – und damit Autoren vernünftig bezahlen. Das scheint aber noch nicht bis ganz oben angekommen zu sein. Schade.“Der Abend“ soll eine personalisierbare App sein, sich Geschmäcker merken können. Ja, das ist eine gute Idee. Auch sonst ist Cordt Schnibbens Konzept der Tageszeitung von Morgen kein schlechter Ansatz. Aber es ist eben nur ein Ansatz. Es steckt viel Einfaches drin, was möglich ist, aber unverständlicherweise nicht realisiert wird. Es steckt aber auch Altes drin (Klickgeilheit, starre Erscheinungsweise, …), was noch rausgepult werden muss. Flexibilität ist stattdessen das Zauberwort. Flexibel mit Nutzern umgehen, flexibel Inhalte publizieren. „Der Abend“ ist noch zu unflexibel – übrigens schon alleine deshalb, weil es eine App ist, ein geschlossenes System. So ganz und gar nicht das, was das Internet bedeutet.

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