Das Krautreporter-Dilemma und warum ich doch Mitglied bleibe

Das Krautreporter-Dilemma und warum ich doch Mitglied bleibe

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Die Krautreporter, ein schwieriger Fall. In diesen Tagen schwebt eine zentrale Frage über uns allen: Mitgliedschaft verlängern oder nicht? Tagelang habe ich darüber gegrübelt, wie ich diese Frage beantworte. Jetzt bin ich zu einer Entscheidung gekommen, die mich selbst ein bisschen überrascht.

Nein, dachte ich die letzten Tage, nein, ich verlängere nicht. Die Gründer Sebastian Esser und Philipp Schwörbel und ihr Chefredakteur Alexander von Streit wollten ja mit Krautreporter den Journalismus retten, las man vor einem Jahr überall – und das haben sie definitiv nicht geschafft.

Die Website musste offenbar unbedingt selbst entwickelt werden, statt auf das bewährte WordPress zu setzen. Das Ergebnis kann sich nicht wirklich sehen lassen. Besonders mobil – und gerade da müssen neue Webauftritte funktionieren – ist Krautreporter.de eine Katastrophe. Sich auf dem Smartphone anmelden? Ist mir nicht bisher nicht gelungen.

Es gibt so viele Gründe, die gegen das Verlängern der Mitgliedschaft sprechen.

Unterm Strich: Mindestens 5 Kritikpunkte!

Im Grunde genommen ist schon alles gesagt worden. Wenn ich zurückblicke und den jetzigen Zustand mit meinen Erwartungen vor rund einem Jahr abgleiche, dann will ich festhalten:

  1. Krautreporter hat die Latte während der Crowdfunding-Phase zu hoch gelegt. Es war für sie gar nicht möglich, die Erwartungen an sie zu erfüllen. Das hätten sie wissen müssen. Für die entsprechenden Reaktionen und Beurteilungen sind sie deshalb nicht zu bemitleiden.
  2. Der Grund, warum ich (und sicherlich viele andere) Krautreporter unterstützt habe, war nicht das tolle Konzept – das war nämlich schlichtweg nicht vorhanden -, sondern die Hoffnung, ein werbefreies, verlagsunabhängiges Projekt erfolgreich in Bewegung setzen zu können. Alexander von Streit sagte neulich im Interview, „journalistische Angebote müssen ihre individuelle DNA identifizieren“. Ich hoffe, die Krautreporter schaffen das, indem sie endlich ein Konzept erarbeiten.
  3. Technisch hat Krautreporter versagt.
  4. Inhaltlich hat Krautreporter nicht überzeugt, vermute ich. Um genau zu sein: Ich bin aus verschiedenen Gründen nicht oft auf der Seite gelandet. Vor allem deshalb, weil normalerweise gute Beiträge auf verschiedenen Kanälen auf mich zufliegen. Krautreporter-Beiträge waren kaum dabei. Leider. Eine Handvoll gute Artikel gab es trotzdem, darunter einer von Tilo Jung, Theresa Bäuerlein und Peer Schader. Christoph Kochs Medienmenü gefällt mir auch. Hat mir aber auch schon vorher gefallen.
  5. Der für mich entscheidende kritische Punkt ist der Mitglieder-Bonus. Alle Texte sind kostenfrei einsehbar. Niemand muss 5 Euro im Monat zahlen, um sich bei Krautreporter schwindlig lesen zu können. Das Argument der Krautreporter, Mitglieder zu gewinnen, sind die Kommentarfunktion, Beiträge als E-Book oder Podcasts und diverse Treffen in Berlin und an anderen Orten in Deutschland. Ich vermute, dass die absolute Mehrheit der Mitglieder kaum oder gar nichts in Anspruch nimmt. Sie wollen einfach nur gute Texte lesen. Nun muss ich sagen: Ich finde es cool, dass die Beiträge als E-Books bzw. Podcasts angeboten werden. Aber nichts von all dem und noch nicht mal die Kommentarfunktion nutze ich. Die monatlichen 5 Euro investiere ich also in nichts davon.
Ja, ich bleibe Krautreporter! Du auch?

Ja, ich bleibe Krautreporter! Du auch?

Trotzdem: Ja!

Und trotz all der Kritikpunkte sage ich: „Ich bleibe Krautreporter“. Meine Mitgliedschaft habe ich gestern Abend verlängert. Warum? Weil ich den Krautreportern noch ein weiteres Jahr Zeit geben möchte, um sich zu beweisen. Ich bin Journalist. Ich bin ein Journalist, der sich mit der Startup-Szene beschäftigt und der nach einer hyperlokalen Online-Zeitung (2012 bis 2014) mit keinStartup.de (Hintergrund dazu: hier) gerade sein zweites Projekt bzw. sein zweites Unternehmen in Stellung bringt. Ich erzähle das deshalb, weil ich weiß, wie schwierig es ist und welche Kraft und vor allem Zeit es benötigt, ein Medien-Startup in die Gänge zu bringen. Ein Jahr ist ruckzuck verflogen – und man bedenke, dass es kein Solo-Unternehmen ist, sondern eine Redaktion aus lauter Köpfen, die nicht nur in einem Projekt stecken.

Aber ich bin ein Journalist mit diesem Hintergrund. Der „normale“ Leser unterstützt kein Projekt, weil er daran glaubt und versteht, dass es Zeit braucht, weil er in eine Idee investiert oder weil er schlichtweg Journalismus fördert. Der „normale“ Leser bezahlt Geld und erwartet eine gute Leistung. Ist die – wie im Falle der Krautreporter – nicht geliefert worden, dann kann ich nachvollziehen, wenn die Mitgliedschaft nicht verlängert wird. Insofern finde ich es nicht verwerflich, wenn zum jetzigen Zeitpunkt vor allem wir Journalisten das Projekt Krautreporter am Leben erhalten – aus Kollegialität und der Chance wegen, etwas Großes ohne Burda, Axel Springer, G+J und Co. schaffen zu können.

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1 Kommentar

  • […] der Finanzierung geht, kursieren jedoch  in der Branchen-Blase derzeit manche Bekennerschreiben: Pro und Contra. Interessant war dabei die Frage, die in einem kleinen Twitter-Dialog aufgeworfen […]

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Julian Heck | Strategiecoach für Positionierung & Selbstmarketing