Crowdfunding: Das war’s…

Crowdfunding: Das war’s…

Wir haben 839 Euro gespendet bekommen, aber erhalten nichts. Wir wollten ein Printmagazin machen, aber machen es nicht. Das ist das Crowdfunding-Prinzip. Es war ein Experiment, welches als gescheitert abgeheftet wird. Mehr nicht? Doch, wir nehmen aus dem Crowdfunding-Experiment einiges mit – wenn auch nicht das erhoffte Geld für das Magazin.

Achtung: Dieser Beitrag wird etwas länger und ist es trotzdem wert, gelesen zu werden. Wir blicken selbstkritisch auf das Crowdfunding-Experiment zurück und ziehen unsere Lehre daraus (vielleicht mit dem ein oder anderen Hinweis für potentielle Nachahmer).

Fangen wir von vorne an. Unser Plan war es, zu unserem einjährigen Bestehen Mitte März ein Printmagazin (zunächst einmalig) zu veröffentlichen, welches kostenlos an alle Haushalte verteilt werden sollte. Die Themen sollten nicht tagesaktuell sein, sondern auch noch zwei oder drei Wochen später nett zu lesen sein, ohne an Aktualität verloren zu haben. Das Magazin sollte Reportagen, Porträts, Interviews und ausführliche Berichte, Kommentare und mehr beinhalten. Es sollte ein Magazin sein, welches man in Ruhe lesen kann – abseits vom schnelllebigen Internet und tagesaktuellen Geschehen.

Neben den Arbeitskosten kommen bei diesem Format vor allem Druckkosten hinzu. Wie also finanzieren? Über Anzeigen natürlich. Doch für ein neues, einmalig erscheinendes Magazin genug Anzeigen zu finden, das ist keine leichte Aufgabe. Die Idee vom Crowdfunding war geboren. Warum nicht probieren, die Masse (crowd) an der Finanzierung zu beteiligen? Zeitlich passend kam hinzu, dass eine neue Crowdfunding-Plattform an den Start ging (Krautreporter), die speziell auf journalistische Projekte fokussierte. Die Entscheidung war gefallen. Das Experiment Crowdfunding sollte beginnen. Innerhalb von vier Wochen mussten 1.500 Euro zusammenkommen, um das Geld zu erhalten und investieren zu können. Es galt das Prinzip alles oder nichts. 

28 Tage hoffen, zittern, kämpfen

Grund 8 von 28, unser Projekt zu unterstützen.

Unser „Marketing-Konzept“? Das Thema am Laufen halten. Wir haben auf der Facebook-Seite quasi täglich an das Projekt erinnert, privat davon erzählt, eine Gruppe eingerichtet, auf weiterstadtnetz.de einen Banner eingerichtet. Um nicht jeden Tag das Gleiche zu schreiben, haben wir uns für die 28-tägige Finanzierungsphase 28 Gründe überlegt, warum unser Projekt unterstützenswert ist. Diese Gründe haben wir täglich veröffentlicht. Darüber hinaus sind die Leser in die Themensuche für das Magazin einbezogen worden und haben vom aktuellen Planungsstand erfahren.

Das Resultat nach der ersten Woche: Phänomenal. Sieben Tage, 700 Euro. Die Hälfte des anvisierten Betrages war im Nu von etwa 30 Unterstützern gespendet worden. Am achten oder neunten Tag war es dann so, als habe jemand die Notbremse gezogen. Stillstand. Ruhe. Nichts geschah mehr. Eine kurze Pause, dann geht es wieder weiter – dachten wir. Doch in der darauf folgenden Zeit sollte dieser Zustand so bleiben. Einzelne Unterstützer kamen zwar noch hinzu, aber alles in allem war nach der ersten Super-Woche Schluss. 28 Tage und 839 Euro später gilt das Projekt als gescheitert.

Schon nach vier Tagen waren 40 Prozent der Zielsumme finanziert.

Mögliche Gründe für das Scheitern

Nicht erst jetzt fängt das Grübeln darüber an, woran es gelegen haben könnte. Schon während der Finanzierungsphase überlegten wir ständig, was wir an unserem Produkt (Magazin) und der Crowdfunding-Methode (Marketing) verändern könnten. Jetzt, wo der Fortschrittsbalken endgültig bei 56 Prozent stehen geblieben ist und die 839 Euro wieder zurück auf die Konten der 36 Unterstützer wandern, ziehen wir das endgültige Fazit und stellen fest: Blöd gelaufen. Woran lag es denn nun? Das weiß wohl niemand definitiv. Wir suchen die Gründe im Projekt und im Crowdfunding.

Grund 1: Projekt

Unser Projekt: Ein Printmagazin in Ergänzung zum Online-Angebot für eine Stadt mit 25.000 Einwohnern. Wir sind nach wie vor von diesem Projekt überzeugt und haben es in der Reserve, möchten es irgendwann umsetzen. Aber für das Crowdfunding ist es womöglich nicht ideal. Die Zielgruppe ist sehr klein, der Kreis möglicher Unterstützer damit ebenfalls. Kann ein hyperlokales Projekt genügend Menschen überzeugen? Im Nachhinein betrachtet ist das Printmagazin zudem wahrscheinlich nicht konkret genug für ein Crowdfunding-Projekt. Es hat kein konkretes Thema (außer des Lokalen), ist nicht genau definiert. Lassen sich damit Unterstützer finden?

Nach zahlreichen Fragen haben wir nach dem Start der Finanzierungsphase eine Grafik entworfen, die den Ablauf beim Crowdfunding erklärt.

Ein weiterer Aspekt ist das Thema Print. Wir sind der Meinung, dass Print und Online gut harmonieren können und dass Print sinnvoll sein kann, wenn ein gutes Konzept dahinter steckt. Unser Magazin sollte kein Ersatz zum Online-Produkt sein, sondern es ergänzen und mit Entschleunigung auftrumpfen. Vielleicht ist Print aber einfach nicht mehr gewollt. Vielleicht sind unsere Leser auch schlichtweg zufrieden mit unserem Online-Angebot, weswegen ein Printprodukt für unnötig empfunden wird (was uns natürlich schmeicheln würde).

Grund 2: Crowdfunding

Mal ehrlich: Wie viele Weiterstädter kennen den Begriff „Crowdfunding“? Ohne es empirisch nachweisen zu können, kann man von einem ganz kleinen Bruchteil ausgehen. Crowdfunding ist in Deutschland eine relativ neue Erscheinung und hat die lokale Ebene noch lange nicht durchdrungen. Die Folgen: Crowdfunding ist erst einmal zu erläutern. Was heißt das? Wie läuft so etwas ab? Was passiert, wenn es klappt oder nicht klappt? Wohin muss ich das Geld überweisen? Ist das eine einmalige Spende oder eine regelmäßige Angelegenheit? Ist die Online-Überweisung überhaupt sicher? Brauche ich ein PayPal-Konto? Was hat das mit den Prämien auf sich? Dies sind nur einige Fragen, die uns während der 28 Tage begegnet sind. Ein Großteil der Unterstützer wollte nochmal genau wissen, wie sie das jetzt machen müssen. Einige haben uns mitgeteilt, dass sie keine Zeit gefunden haben, sich näher damit zu beschäftigen. Und viele sind höchstwahrscheinlich mehrmals über den Begriff gestolpert, haben ihn aber mangels Kenntnis, Motivation oder Zeit ignoriert. Es kann nicht belegt werden, aber wir glauben, dass dieses Problem eine große Rolle gespielt hat und eine wichtige Ursache für das Scheitern war.

Während der Finanzierungsphase haben wir als Ansporn eine Prämie speziell für Weiterstädter hinzugefügt.

Krautreporter

An dieser Stelle möchten wir auch etwas zur Crowdfunding-Plattform Krautreporter loswerden: Die Zusammenarbeit hat super funktioniert. Die Betreuung ist sicherlich besser als bei zum Beispiel Startnext. Man hat persönlichen Kontakt zu den Machern (hier ist speziell Sebastian Esser zu erwähnen) und kann alle Fragen direkt klären. Dass Krautreporter neu an den Start gegangen ist, war gewiss auch ein Vorteil für unser Projekt, da es dadurch von der Aufmerksamkeit profitieren konnte. Nachteile sind aber ebenfalls nicht zu verschweigen: Die geringe Projektanzahl verhinderte, dass „Surfer“ durch Zufall auf das ein oder andere (und unser) Projekt stießen, wie es beispielsweise bei Startnext hätte sein können. Außerdem – und daran arbeiten die Macher von Krautreporter – ist das Bezahlsystem noch zu optimieren, welches aufgrund der Anfangsphase noch nicht so ausgereift und vielfältig ist. Alles in allem möchten wir Krautreporter aber auf gar keinen Fall eine Mitschuld am Scheitern geben! Allen Journalisten, die planen, ein Projekt mit Crowdfunding (mit) zu finanzieren, können wir Krautreporter wärmstens empfehlen.

Fazit

Was bleibt? Die Erfahrung. Es war wirklich ein unglaublich tolles Gefühl, von bekannten und unbekannten Lesern Geld zu erhalten für etwas, was erst noch entstehen muss. Dieser Vertrauensvorschuss motiviert enorm. Wir haben gelernt, dass Crowdfunding kein „Nebenher-Projekt“ ist, sondern Zeit und Nerven kostet. Es braucht eine gute Vorbereitung – angefangen von der Projektbeschreibung über das Video (welches bei uns zu kurzfristig entstanden ist) bis zur „Marketing-Kampagne“. Einfach nur „warten“ ist die falsche
Crowdfunding Ende ScreenshotHerangehensweise. Die Projektmacher müssen über ihr Vorhaben sprechen, es am Laufen halten und dafür werben. Sie werden ganz schnell feststellen, dass der Blick ständig auf den Fortschrittsbalken fällt und die Spannung proportional mit dem Ablauf der Finanzierungsphase ansteigt.

Crowdfunding ist auf jeden Fall einen Versuch wert – auch im Lokalen – und wir würden es jederzeit wieder probieren (unter Beachtung oben genannter innerer und äußerer Faktoren). Wir möchten allen 36 Unterstützern für Ihre Bereitschaft, das Projekt gemeinsam zu stemmen, bedanken! Wir machen weiter – online und ohne Magazin, aber mit der gleichen Motivation und mindestens so hoher Innovationsbereitschaft.

Ihre weiterstadtnetz.de – Redaktion

Hinweis: Dieser Beitrag ist ein Crosspost und erschien zuerst auf weiterstadtnetz.de.

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